Für Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Piercer

Ist Piercen gefährlich? Denn man lässt sich mit einer Nadel von einem Fremden ein Loch in den Körper stechen und irgendein Piercing-Schmuckstück einsetzen.

Wenn sie auf der Straße jemand mit der Nadel stechen würde, wie würden Sie reagieren? Würden sie sich freuen und ihm Geld dafür bezahlen?

Also JA, ein Eingriff in den Körper ist immer eine Gefahr, ob gewollt oder ungewollt.

ABER:

NEIN, Piercen stellt meiner Erfahrung nach – wenn es gut und unter hygienischen Voraussetzungen wie auch mittels Verwendung von sterilem Schmuck, Werkzeug, Einwegnadeln, Handschuhen und Abdecktüchern u. v. m. durchgeführt wird, was ein professioneller Piercer mit Erfahrung gewährleisten kann – KEINE GEFAHR dar!

-> Piercen bei einem Profi ist nicht gefährlich.

Dennoch möchte und muss ich hier einmal erklären, welche Nebenwirkungen bei einem Piercing trotz professioneller Durchführung entstehen können:

Nebenwirkungen:

Wildes Fleisch, Granulation oder Caro luxurians – oder: der „Piercing Alptraum“

Ein in meinem Alltag immer wieder auftretendes Thema, dem ich mich einmal ausführlich medizinisch, allgemein und als Piercer widmen möchte.

Vorweg, für alle, die nicht viel lesen möchten:

  1. Nein, es kommt nicht bei jeder Person und auch nicht bei jedem Piercing vor. Es ist eher selten der Fall.
  2. Nein, es ist nicht bedrohlich oder gar lebensgefährlich. Es nervt nur und sieht schlimm aus.
  3. Ja, es ist ohne chirurgische Eingriffe (Wegschneiden oder Ätzen) therapierbar; wie, verraten wir natürlich bei uns vor Ort nach einem Lokalaugenschein, denn oft wird ein wildwachsendes Fleisch mit einer normalen geröteten Piercing-Wunde verwechselt.

I. In einfachen Worten:

Wildfleisch bzw. caro luxurians ist ein wildes Wachsen von Fleisch und Haut, das im Rahmen eines Piercings bzw. bei dessen Abheilung auftreten kann.

Bei Ohrknorpel-Piercings und allgemein Piercings am Ohr, aber auch am Nasenflügel, kann das Wildfleisch öfter als an andern Körperstellen bzw. Piercings auftreten.

Selten habe ich es bei den Labia Majora (äußeren Schamlippen) gesehen. Hin und wieder entdecke ich es auch an anderen Stellen.

Der Grund dafür, dass es bei Piercings am Ohr oder an der Nase häufiger vorkommt, besteht darin, dass Knorpelgewebe durchstochen wird. Das Wildfleisch entsteht aus Wunden bzw. Piercing-Wunden; es besteht aus Hautzellen und Haargefäßen (mehr dazu später). Der Winkel des Stichkanals und die Technik des Stechens haben Einfluss auf die Bildung von Wildfleisch. So kann es sein, dass bei manchen Piercern „oft“ und bei anderen „selten“ Wildfleisch auftritt.

Man kann also sagen, dass der Piercer Einfluss auf das Wildfleisch hat, es zumindest eher fördern oder verhindern kann (Daher sollte man sich keines Falls selbst piercen oder mit der Ohrloch Pistole Schießen lassen).

Aber auch der/die beste Piercer(in) kann das nicht immer beeinflussen und es ist auch immer eine Frage der Pflege, der Veranlagung des Kunden und des Schmuckes, viele kleine Faktoren bilden hier das Puzzle.

Wildfleisch entzündet sich in der Regel nicht und eitert auch nicht. Jedoch blutet es oft und gern. Dann bildet sich ein gelblicher Schorf aus dem Exsudat und verkrustet. Dies führt zu der Illusion, dass das Piercing eitern würde.

Wildfleisch muss nicht aus medizinischen und gesundheitlichen Gründen entfernt werden. Aber da es keiner haben will und es unschön ist, wollen die davon betroffenen Patienten es schnellstmöglich loswerden.

Wie anfangs erwähnt, lässt sich das wilde Fleisch OHNE Chirurgie entfernen. Der Weg zum Dermatologen bleibt jedem selbst überlassen, aber ich als Piercer rate hiervon ab. Denn meine Erfahrung (was mir meine Kunden berichten) zeigt, dass die meisten Mediziner das Wildfleisch nicht als solches erkennen und meist ratlos sind. Die dann gegebene Standardantwort ist: „Nehmen Sie das Piercing raus“ – das löst das Problem zwar schon nach einiger Zeit, ist aber nicht nötig. Andere verschreiben schwere Antibiotika, was auch wenig oder nichts nützt, denn es ist keine bakterielle Infektion. Selten, aber dennoch veröden oder verätzen es manche bzw. schneiden es mit dem scharfen Löffel weg. -> Und meist kommt es dennoch wieder.

Nach meiner Erfahrung lässt sich Wildfleisch bei Piercings meist schmerzfrei, ohne Narben und ohne bleibende Schäden recht einfach vom Kunden entfernen, wenn er die richtige Behandlung und die richtigen Mittel kennt (ab und zu ist auch ein Material/Piercing-Wechsel zudem nötig).

Als Kunde sollte man keinesfalls das Wildfleisch ausdrücken, einstechen, verbrennen oder mit „irgendwas“ behandeln, sondern Rat bei einem Piercer suchen, der einen ggf. zu einem Arzt senden kann.

Unsere Kunden bekommen Wildfleisch in der Regel in 14 Tagen komplett in den Griff, also kein Grund zur Sorge.

II. Medizinisch erörtert:

Überschießend wucherndes Granulationsgewebe – Wildfleisch bzw. Caro luxurians („wildes Fleisch“) ist medizinisch gesehen eine „Granulation“.

Als Granulation (Körnung) wird in der Dermatologie eine Bildung von jungem Bindegewebe bezeichnet. Das junge Bindegewebe ist aufgrund der vorhanden Wundheilung nach dem Stechen eines Piercings gut durchblutet, also von vielen kleinen Blutgefäßen (Kapillaren) durchzogen. aufgrund der vielen kleinen Blutgefäße erscheint die Oberfläche rau oder körnig – also granuliert. Deswegen kann man Wildfleisch auch als Granulationsgewebe bezeichnen.

Ein Piercing verursacht eine Wunde; die Wundränder sind meist minimal (nicht sichtbar) auseinanderklaffend (hier können Nadel, Winkel und Stichtechnik viel beeinflussen) Im Rahmen der Wundheilung (Sekundärheilung) kann einige Tage nach dem Piercen (meist 10 Tage oder mehr) Wildfleisch auftreten.

Bei vielen Wunden kann eine Granulation auftreten und unbemerkt vergehen; wenn es aber zu einer überschießenden Granulation kommt, spricht man vom unbeliebten Wildfleisch.

III. Aus der Piercing-Praxis:

Wildfleisch ist bei uns selten. Es kommt aber dennoch vor, meist ein paar Tagen nach dem Stechen, was mit der richtigen Therapie aber in einigen Tagen abklingt und der Heilung keinen Schaden zufügt.

Wildfleisch kommt aber auch gern nach einigen Monaten bzw. nach oder vor dem Wechseln, obwohl die Heilung erfolgreich verlaufen ist.

Warum? Ganz einfach: Wie oben geschrieben, kann im Rahmen der Wundheilung Wildfleisch auftreten. Wenn also ein verheiltes Piercing „verletzt“ wird, kommt es zu einer neuen Wundheilung. Wenn es hier durch die Verletzung zu auseinanderklaffenden Wundrändern kommt, kann Wildfleisch begünstigt werden.

Eine Verletzung kann durch ein Hängenbleiben, ein starkes Ziehen, einen schlechten Wechsel von Schmuck u. v. m. ausgelöst werden. Umso wichtiger ist es, den Erstschmuck nach der vom Piercer vorgegebenen Zeit wechseln zu lassen und keinesfalls selbst zu tauschen.

Bei Fragen und Sorgen zum Thema Wildfleisch kommen Sie bitte mit Termin zu uns ins Studio.